Eine Liste von Situationen, Problemen oder Entscheidungen liegt vor, die im Workshop eingeordnet werden sollen (mindestens 8-15 Items).
Cynefin Workshop
Vorbedingung
Was vorher fertig sein muss
Die relevanten Perspektiven und Entscheidungsträger sind identifiziert und im Workshop vertreten.
Vorbereitung
Was vor Start vorliegen muss
Großes Whiteboard oder digitales Board mit Cynefin-Karte (klar, kompliziert, komplex, chaotisch, unklar in der Mitte); Sticky Notes pro Situation; Marker; Anleitungs-Plakat mit Domänen-Charakteristika; Timer.
Ein Facilitator mit Cynefin-Kenntnis; 5-12 Teilnehmende mit Kontextwissen über die Situationen; ein Scribe, der Begründungen pro Einordnung dokumentiert; optional ein Coach für inhaltliche Klärung.
Situationsliste mindestens 1 Tag vorab kommunizieren; Cynefin-Framework als Grundlage mit Definitionen der Domänen; Hinweis, dass es nicht um die richtige Antwort geht, sondern um geteiltes Verständnis.
90-180 min
Cynefin-Karte zentral platzieren. Domänen mit Charakteristika beschriften: klar (Ursache offensichtlich, Sense-Categorize-Respond), kompliziert (Experten nötig, Sense-Analyze-Respond), komplex (Muster nur retrospektiv, Probe-Sense-Respond), chaotisch (Act-Sense-Respond), unklar in der Mitte. Sticky Notes pro Situation vorbereiten.
Kernfrage
Die eine Frage, die diese Methode beantwortet
In welcher Cynefin-Domäne befindet sich jede der vorgelegten Situationen, und welche Reaktionslogik (Sense-Categorize-Respond bis Act-Sense-Respond) ist deshalb angemessen?
Ablauf
Marker: Phase
| Schritt | Dauer | Aktion | Hinweis |
|---|---|---|---|
1Phase 1: Framework-Einführung | 20 min | Facilitator führt die fünf Domänen mit Beispielen aus dem Arbeitskontext ein. Charakteristika und passende Handlungslogik je Domäne erklären. Unterschied klar vs. kompliziert, kompliziert vs. komplex an konkreten Beispielen schärfen. | Wenn Theorie zu lang wird, sinkt Energie für die Einordnung. Maximal 20 min, danach Beispiele aus dem Plenum sammeln und einordnen lassen, lernen am Tun. |
2Phase 2: Solo-Einordnung | 15 min | Jeder Teilnehmer ordnet alle Situationen still für sich auf einem persönlichen Ausdruck der Karte ein. Begründung pro Situation stichpunktartig notieren. | Solo-Phase verhindert Gruppendenken. Wer direkt in Diskussion startet, verliert individuelle Lesart. Stille wirklich einhalten. |
3Phase 3: Gemeinsame Einordnung pro Situation | 60-90 min | Pro Situation: Teilnehmende kleben gleichzeitig ihre Einordnung auf der gemeinsamen Karte. Bei Divergenz Diskussion, Begründungen austauschen, gemeinsame Einordnung finden. Scribe dokumentiert. | Divergenz ist Gold, nicht Problem. Wenn alle gleich einordnen, fehlt entweder Diversität oder die Situation ist tatsächlich klar. Bei Streit beide Lesarten dokumentieren, Wechsel-Hypothese diskutieren. |
4Phase 4: Implikationen ableiten | 30-45 min | Pro Domäne bündeln, was passend wäre: für komplex Probes statt Pläne, für kompliziert Expertise statt Improvisation, für chaotisch Stabilisierung statt Analyse. Konkrete nächste Schritte pro Situation. | Ohne Implikationen bleibt Cynefin Sortierübung. Pro Situation einen konkreten Owner und nächsten Schritt benennen, sonst sinkt der Workshop in den Ablage. |
5Phase 5: Reflexion und Risiken | 20-30 min | Reflexion: welche Situationen wurden bisher in falscher Domäne behandelt; welche Konsequenzen hatte das; welche Domänen-Wechsel werden in Zukunft erwartet (z. B. komplex zu kompliziert nach Probes). | Häufiger Fehler in Organisationen: komplexes wird als kompliziert behandelt (Plan-Driven), chaotisches wird in komplex zurückgeführt ohne Stabilisierung. Reflexion macht solche Muster sichtbar. |
Artefakt
Was am Ende rauskommt
Fotografierte oder digitale Cynefin-Karte mit allen Situationen einsortiert, dazu pro Situation Begründung der Domäne, abgeleitete Reaktionslogik und konkreter nächster Schritt mit Owner. Optional Übersichts-Tabelle mit Status und Domänen-Verlauf.
- Miro- oder Mural-Board mit Cynefin-Template
- Confluence-Seite mit Tabelle und eingebettetem Karten-Foto
- Notion-Datenbank mit Spalten Situation, Domäne, Begründung, Owner
- FigJam-Board mit Stickies für hybride Workshops
Datum, Team und Situationsliste im Header. Pro Workshop neue Karte. Bei Folge-Workshop Vergleich mit Vor-Iteration, Verschiebungen zwischen Domänen explizit markieren (häufig komplex zu kompliziert nach erfolgreichen Probes).
Cynefin Workshop Arbeitsvorlage
Kompakte Arbeitsvorlage für Cynefin Workshop mit Kontext, Input, Ergebnisartefakten und nächstem Schritt.
# Cynefin Workshop Canvas
## Kontext
Wofür wird die Methode eingesetzt?
## Kernfrage
Welche Frage soll am Ende beantwortet sein?
## Input
Welche Daten, Beobachtungen oder Materialien liegen vor?
## Arbeitsfläche
- Bereich 1:
- Bereich 2:
- Bereich 3:
- Beziehungen / Muster:
## Ergebnisartefakte
- Cynefin Map:
- Domain-specific Actions:
- Sensemaking Notes:
## Offene Fragen
- ...
## Nächster Schritt
Owner, Datum, Erfolgssignal.Beispielausgabe
Konkret gefülltes Szenario
## Cynefin-Workshop — Tribe Aurora, 08.06.2026
**Teilnehmende**: 9 Personen aus Product, Engineering, Ops. **Situationen**: 11.
### Einordnungen (Auszug)
- **„Neue Bezahlmethode Klarna integrieren“** → kompliziert. Begründung: API-Spec klar, Expertise-Aufgabe. Owner @ben, nächster Schritt: Spike 3 Tage.
- **„User-Akzeptanz für KI-Vorschläge in der Suche“** → komplex. Begründung: Nutzerreaktion nur retrospektiv prüfbar, Vorhersage nicht möglich. Owner @lisa, nächster Schritt: A/B-Test mit 5% Traffic.
- **„Production-Outage gestern Abend“** → chaotisch (in dem Moment), jetzt komplex (Lernphase). Owner @sabine, nächster Schritt: Game Day in 2 Wochen.
- **„Onboarding-Doku aktualisieren“** → klar. Owner @anna, nächster Schritt: PR bis Freitag.
- **„Tech-Debt-Reduktion in Auth-Modul“** → kompliziert nach gemeinsamer Diskussion (zuerst von 4 Personen als komplex eingestuft, durch Architekt-Kontext zu kompliziert verschoben).
### Reflexion
In den letzten 3 Monaten wurden 3 von 4 komplexen Situationen als kompliziert behandelt (Roadmap mit fixen Lieferterminen), Resultat war konstanter Verzug. Neuer Modus: für komplexe Situationen Probes statt Pläne, Review nach 4 Wochen.Stolperfallen
Symptome erkennen, gegensteuern
Theorie überlagert Anwendung
Workshop bleibt in Definitions-Debatten („Ist Disorder eine Domäne oder nur Übergang?“), Situationen werden nicht eingeordnet.
Theoriephase auf 20 min begrenzen. Definitionen pragmatisch halten, Differenzen für später vermerken. Sofort an konkreten Situationen üben.
Falsche Domäne durch Wunschdenken
Situationen werden in „kompliziert“ eingeordnet, weil das planbar ist, obwohl sie tatsächlich komplex sind.
Test-Frage: „Können wir das Ergebnis vorab kennen?“ Wenn nein, ist es nicht kompliziert. Diversität in der Runde sicherstellen. Bei Konsens für „kompliziert“ Devil's Advocate beauftragen.
Klar und kompliziert vermischt
Routinearbeiten landen in „kompliziert“, weil Team sie nicht oft macht. Domänen-Grenze wird unscharf.
Klar bedeutet: existierende Best Practice, jeder kann es nach Anleitung. Kompliziert: Experte nötig. Frage „Gibt es eine Best Practice?“ trennt sauber.
Chaotisch unerkannt
Akute Krisensituationen werden als „komplex“ behandelt, Team analysiert statt zu stabilisieren.
Chaotisch verlangt Act-Sense-Respond: erst stabilisieren, dann verstehen. Wenn Schaden sich pro Minute vergrößert, Domäne ist chaotisch, Analyse ist falsch.
Keine Implikationen abgeleitet
Karte ist sortiert, Workshop endet, Team arbeitet anschließend wie vorher.
Pro Situation einen konkreten nächsten Schritt mit Owner und Datum festlegen. Domäne ändert Handlungslogik; ohne Owner bleibt Cynefin Sortierübung.
Workshop ohne Kontextwissen
Teilnehmende einordnen Situationen, die sie nicht kennen; Ergebnisse sind beliebig.
Pro Situation muss mindestens eine Person mit Erstkontext im Raum sein. Wenn nicht, Situation aus dem Workshop herausnehmen oder Vorlauf-Briefing fordern.
Abbruchkriterien
Done-Signale, in unter einer Minute prüfbar
Run Sheet durchgearbeitet?
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